Reverse-Charge 2026: § 13b UStG im Überblick

Das Reverse-Charge-Verfahren verlagert die Umsatzsteuerschuld auf den Leistungsempfänger. § 13b UStG enthält unterschiedliche Tatbestände und Empfängervoraussetzungen; eine pauschale B2B-Regel gibt es für inländische Umsätze nicht.

Wie funktioniert Reverse-Charge?

Im Regelfall schuldet der leistende Unternehmer die Umsatzsteuer: Er weist sie auf der Rechnung aus, vereinnahmt sie vom Kunden und führt sie an das Finanzamt ab. Beim Reverse-Charge-Verfahren wird dieses Prinzip umgedreht — die Pflicht zur Anmeldung und Abführung der Umsatzsteuer geht vollständig auf den Leistungsempfänger über.

In der Praxis bedeutet das:

  • Der Rechnungssteller weist keine Umsatzsteuer auf der Rechnung aus
  • Der Leistungsempfänger berechnet die USt selbst aus dem Nettobetrag
  • Er deklariert den Betrag in der UStVA gleichzeitig als geschuldete USt und — bei Vorsteuerabzugsberechtigung — als abziehbare Vorsteuer
  • Das Ergebnis ist ein Nullsummenspiel für die Liquidität des Empfängers

Die steuerpolitischen Ziele sind vielschichtig: primäre Betrugsbekämpfung (insbesondere Karussellgeschäfte), Abbau bürokratischer Vorsteuervergütungsverfahren und Vermeidung von Liquiditätsbelastungen durch Vorfinanzierung.

Grenzüberschreitendes Reverse-Charge (§13b Abs. 1)

Die Grundregel für grenzüberschreitende B2B-Dienstleistungen: Erbringt ein im EU-Ausland oder Drittland ansässiger Unternehmer eine sonstige Leistung, die nach §3a Abs. 2 UStG (B2B-Grundregel) in Deutschland steuerbar ist, schuldet der inländische Leistungsempfänger die Umsatzsteuer. Der ausländische Unternehmer muss sich in Deutschland nicht registrieren, sofern er keine weiteren steuerpflichtigen Inlandsumsätze ohne Reverse-Charge ausführt.

Tatbestände nach § 13b Abs. 2 UStG

§ 13b Abs. 2 UStG listet die erfassten Umsätze auf. Ob der Leistungsempfänger tatsächlich Steuerschuldner wird, ergibt sich zusätzlich aus Absatz 5. Die Tabelle ist ein Kurzüberblick; für die Anwendung ist der aktuelle Gesetzestext maßgeblich.

RechtsgrundlageTatbestandSchwelle
§13b Abs. 1Grenzüberschreitende Dienstleistungen / Werklieferungen eines EU- oder Drittland-Unternehmers
Abs. 2 Nr. 1Werklieferungen / sonstige Leistungen eines im Ausland ansässigen Unternehmers
Abs. 2 Nr. 2Lieferung sicherungsübereigneter Gegenstände (außerhalb Insolvenz)
Abs. 2 Nr. 3Grundstücksumsätze (unter das GrEStG fallend)
Abs. 2 Nr. 4Bauleistungen: Herstellung, Instandsetzung, Änderung, Beseitigung von Bauwerken (inkl. fest installierter Ausstattung). Reine Planungs-/Überwachungsleistungen ausgenommen.
Abs. 2 Nr. 5Lieferung von Gas über das Erdgasnetz und von Elektrizität an Wiederverkäufer
Abs. 2 Nr. 6CO2-Zertifikate: Übertragung von Berechtigungen nach dem Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz (TEHG)
Abs. 2 Nr. 7Schrott und Altmetall: Lieferung von Anlage-3-Gegenständen — Abfälle und Schrott aus Eisen, Kupfer, Nickel, Aluminium, Blei, Zink und Zinn (Zolltarifpositionen 7404–8002)
Abs. 2 Nr. 8Gebäudereinigung: Reinigung von Gebäuden und Gebäudeteilen. Empfänger muss selbst nachhaltig Reinigungsleistungen erbringen.
Abs. 2 Nr. 9Gold: Lieferung von Gold in Rohform oder als Halbzeug mit Feingehalt ab 325 Tausendstel sowie Goldplattierungen
Abs. 2 Nr. 10Elektronik: Mobilfunkgeräte, Tablet-Computer, Spielekonsolen, integrierte Schaltkreise (vor Einbau)ab 5.000 EUR
Abs. 2 Nr. 11Metalle (Anlage 4): Zink, Zinn, Blei, Aluminium in Rohform oder als Pulver, Cermets (Zolltarifpositionen 7601–8113)ab 5.000 EUR
Abs. 2 Nr. 12Telekommunikation: sonstige Leistungen auf dem Gebiet der Telekommunikation; die besonderen Empfängervoraussetzungen aus Abs. 5 sind zu prüfen
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Die 5.000-EUR-Schwelle im Detail

Für die Tatbestände in §13b Abs. 2 Nr. 10 (Elektronik) und Nr. 11 (Metalle der Anlage 4) gilt eine besondere Schwellenregel: Reverse-Charge greift nur, wenn die Summe der Entgelte im Rahmen eines wirtschaftlichen Vorgangs mindestens 5.000 EUR beträgt.

Der Begriff „wirtschaftlicher Vorgang" ist dabei weit auszulegen:

  • Mehrere Teillieferungen, die auf einer einzigen Bestellung beruhen, bilden einen wirtschaftlichen Vorgang
  • Auch zeitlich gestreckte Lieferungen aus einem Rahmenvertrag werden zusammengerechnet
  • Maßgeblich ist die Summe der Nettoentgelte aller relevanten Positionen

Rechenbeispiel: Ein Händler liefert in drei Tranchen jeweils Tablets im Wert von 2.000 EUR netto — alle auf Basis einer Sammelbestellung. Gesamtwert: 6.000 EUR. Die Schwelle ist überschritten, Reverse-Charge greift für alle drei Lieferungen. Hätte der Händler hingegen drei unabhängige Einzelbestellungen über je 2.000 EUR aufgegeben, wäre jede für sich unter der Schwelle — reguläre Abrechnung mit 19 % USt.

Bauleistungen: Der häufigste Fall (§13b Abs. 2 Nr. 4)

In der Praxis ist der wichtigste inländische Reverse-Charge-Tatbestand die Baubranche. Betroffen sind Werklieferungen und sonstige Leistungen für:

  • Herstellung, Instandsetzung, Änderung oder Beseitigung von Bauwerken
  • Fest mit dem Bauwerk verbundene Einbauten (z. B. Heizungsanlagen, Aufzüge)

Nicht unter Reverse-Charge fallen reine Planungs- und Überwachungsleistungen (z. B. Architekten, Bauingenieure).

Entscheidend ist die Empfängerseite: Reverse-Charge gilt hier nur, wenn der Leistungsempfänger selbst nachhaltig entsprechende Bauleistungen erbringt. Davon ist auszugehen, wenn ihm das Finanzamt eine im Leistungszeitpunkt gültige Bescheinigung nach dem amtlichen Muster USt 1 TG erteilt hat. Diese Bescheinigung ist nicht mit der Freistellungsbescheinigung zur Bauabzugsteuer nach § 48b EStG gleichzusetzen.

Gebäudereinigung (§13b Abs. 2 Nr. 8)

Auch bei der Gebäudereinigung spiegelt sich das Bauleistungsprinzip wider: Reverse-Charge greift nur, wenn der Empfänger selbst nachhaltig Reinigungsleistungen an Gebäuden erbringt. Ein Reinigungsunternehmen, das einen Subunternehmer beauftragt, fällt darunter — ein Büro, das einen Reinigungsdienst bestellt, nicht.

Pflichtangaben auf der Rechnung

Bei Reverse-Charge-Umsätzen muss die Rechnung besondere Anforderungen erfüllen:

  • Kein USt-Ausweis: Die Rechnung weist keinen Steuerbetrag aus — Brutto = Netto
  • Hinweistext: Pflichthinweis auf den Übergang der Steuerschuldnerschaft, z. B.: „Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers gemäß §13b UStG"
  • Identifikationsangaben: Die allgemeinen Pflichtangaben gelten; zusätzliche USt-IdNrn. sind nur bei den Tatbeständen anzugeben, für die § 14a UStG sie verlangt

Eine fehlerhafte Rechnung sollte berichtigt werden. Die Steuerschuld des Leistungsempfängers entsteht jedoch aus § 13b UStG und hängt nicht allein davon ab, ob der vorgeschriebene Hinweis auf der Rechnung steht.

Reverse-Charge und Kleinunternehmer

Eine wichtige Besonderheit: Auch Kleinunternehmer nach §19 UStG können Steuerschuldner im Reverse-Charge-Verfahren werden. Bezieht ein Kleinunternehmer eine §13b-Leistung, schuldet er die Umsatzsteuer als Leistungsempfänger — obwohl er selbst keine USt auf eigene Umsätze erhebt. Gleiches gilt für pauschalierende Land- und Forstwirte sowie Unternehmer mit ausschließlich steuerfreien Umsätzen.

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Buchhalterische Behandlung beim Empfänger

Der Leistungsempfänger führt bei Reverse-Charge eine sogenannte Steuerneutralisation durch:

  • Schritt 1: Nettobetrag der Rechnung erfassen (z. B. 10.000 EUR)
  • Schritt 2: USt aus dem Nettobetrag berechnen (10.000 x 19 % = 1.900 EUR)
  • Schritt 3: 1.900 EUR als geschuldete Umsatzsteuer in der UStVA deklarieren
  • Schritt 4: Gleichzeitig 1.900 EUR als abziehbare Vorsteuer geltend machen (bei Vorsteuerabzugsberechtigung)

Das Ergebnis: Die Liquidität des Empfängers wird nicht belastet — die 1.900 EUR heben sich auf. Ist der Empfänger jedoch nicht voll vorsteuerabzugsberechtigt (z. B. bei steuerfreien Umsätzen ohne Vorsteuerrecht), bleibt ein Teil der geschuldeten USt als tatsächliche Steuerlast bestehen.

Amtliche Quellen

Fachlich geprüft am 14.07.2026. Die Prüfung muss Tatbestand, Leistungsempfänger und Zeitpunkt der Leistung gemeinsam berücksichtigen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist das Reverse-Charge-Verfahren nach §13b UStG?
Beim Reverse-Charge-Verfahren wird die Umsatzsteuerschuld vom leistenden Unternehmer auf den Leistungsempfänger übertragen. Der Rechnungssteller weist keine USt aus; der Empfänger berechnet die Steuer selbst, meldet sie als geschuldete USt in der Voranmeldung und kann sie — sofern vorsteuerabzugsberechtigt — im gleichen Zeitraum als Vorsteuer abziehen. Das Verfahren dient vor allem der Betrugsbekämpfung und der Vermeidung von Vorsteuerbetrug (Karussellgeschäfte).
Wer kann Steuerschuldner im Reverse-Charge-Verfahren werden?
Leistungsempfänger im Sinne des §13b können auch Kleinunternehmer, pauschalierende Land- und Forstwirte oder Unternehmer mit ausschließlich steuerfreien Umsätzen sein. Auch sie schulden die Umsatzsteuer als Leistungsempfänger, obwohl sie sonst keine USt abführen.
Was ist die 5.000-EUR-Schwelle bei Reverse-Charge?
Für Lieferungen von Mobilfunkgeräten, Tablet-Computern, Spielekonsolen und integrierten Schaltkreisen (§13b Abs. 2 Nr. 10) sowie für bestimmte Metalle der Anlage 4 (§13b Abs. 2 Nr. 11) gilt Reverse-Charge nur, wenn die Summe der Entgelte im Rahmen eines wirtschaftlichen Vorgangs mindestens 5.000 EUR beträgt. Unterhalb dieser Schwelle wird regulär mit 19 % abgerechnet.
Welche Pflichtangaben muss eine Reverse-Charge-Rechnung enthalten?
Die Rechnung muss die Angabe „Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers“ enthalten und darf für den Reverse-Charge-Umsatz keine Umsatzsteuer ausweisen. Ob Umsatzsteuer-Identifikationsnummern erforderlich sind, richtet sich nach dem konkreten Tatbestand; bei bestimmten innergemeinschaftlichen sonstigen Leistungen verlangt § 14a UStG beide USt-IdNrn.